„Grüner wird’s nicht“ heißt es gerne im wartenden Auto von Beifahrer:innen, wenn die Ampel endlich das ersehnte grüne Signal zum Losfahren gibt. Es ist dieser kleine, zynische Ausspruch, welcher die fahrende Person aus den alltäglichen Gedanken reißt und zur Weiterfahrt drängt. Ein Moment, der bisweilen auch während der Fahrt des Lebens auftritt. So sprang bei Sandra Bernstein diese emotionale Ampel zur Coronazeit um. Ein neuer Lebensabschnitt sollte wortwörtlich neuen Samen säen. Ihre Idee: Blumensträuße aus heimischen Blumen, regional angebaut und ebenso regional vermarktet. Damit gewann sie 2024 prompt den Publikumspreis beim Ideenwettbewerb des StadtLab Jena. Im Gespräch erzählt sie, wie der Keim zu dieser Idee in ihr aufging und wie er bis heute gewachsen ist.
„Bereits in meiner Kindheit habe ich viel Zeit in der Natur verbracht. Ich bin in Jena aufgewachsen, war aber oft bei meinen Großeltern auf dem Land. Dort hatten wir viel Freiraum zum Spielen und Entdecken. Besonders gern habe ich auf Ausflügen kleine Blumensträuße gepflückt, die ich dann meiner Mutter stolz geschenkt habe. Wenn sie diese nicht genug beachtet hat, war ich oft sehr gekränkt. Meine Oma und mein Vater hatten beide einen grünen Daumen. Wir waren Selbstversorger, haben viel angebaut, und überall hat es geblüht.
Später habe ich selbst Gärten angelegt. Pflanzen zu ziehen und in der Natur zu sein, war für mich immer ein Ruhepol – ein Ausgleich zu Familie und Beruf. Ich habe viele Jahre in einem Waldkindergarten gearbeitet und es sehr genossen, mit den Kindern draußen zu sein und sie die Natur erleben zu lassen. Arbeiten in geschlossenen Räumen konnte ich mir nie vorstellen.
Während der Pandemie war die Zeit für mich beruflich wie privat sehr anstrengend. Schließlich habe ich beschlossen, eine Pause von der pädagogischen Arbeit einzulegen. Ich merkte, dass ich Zeit für mich brauchte und mir diese auch nehmen musste. Genau in dieser Auszeit entstand die Idee, Blumen anzubauen und Sträuße zu gestalten. Seit Jahren schenke ich Freunden und Familie zu Geburtstagen oder anderen Anlässen selbstgepflückte Blumensträuße – das hat mir immer große Freude bereitet. Die Idee war plötzlich da und hat sofort ‚gezündet‘. Ich dachte: ‚Du kommst aus Jena, hast ein großes Netzwerk – warum also nicht?‘
Tropische Anbaubedingungen an der Saale
Mir war jedoch schnell klar, dass ich eine geeignete Anbaufläche brauche. Am besten an der Saale, denn ich wusste aus Erfahrung: Am Hang ist das wegen des kalkigen und steinigen Bodens zu mühsam. In den letzten 20 Jahren habe ich mir eine Menge Wissen angeeignet – über Anbau, Pflege, Erntezeiten und Haltbarkeit von Blumen. Dieses Wissen hat mir geholfen, mich sicher zu fühlen, dass ich das wirklich umsetzen möchte.
Bei meiner Recherche stieß ich auf die Website ‚Slowflower‘, eine Bewegung, die den regionalen Anbau von Blumen fördert. Deren Idee, auf den Transport von Blumen rund um die Welt zu verzichten und stattdessen die Vielfalt vor Ort zu nutzen, hat mich begeistert. Ich habe dann mit der Suche nach Land begonnen, ein paar Unternehmensseminare besucht und am Ideenwettbewerb des StadtLabs teilgenommen. Darüber konnte ich viele wertvolle Kontakte knüpfen.
Im Februar 2024 erhielt ich schließlich zwei Angebote für Anbauflächen. Ich entschied mich für das ‚Flussland‘ – ein Pachtgelände an der Saale, welches Mietbeete anbietet und für den Anbau vorbereitet. Dieses Jahr hatte ich dort mein erstes buntes Blumenfeld. Es lief großartig: Das Wetter mit seinem Sonne-Wolken-Mix war fast tropisch, und alles wuchs explosionsartig. Die Blühphase war lang – bis Anfang November konnte ich Sträuße verkaufen. Natürlich gibt es noch viel Potenzial, insbesondere in der Vermarktung, aber ich bin zufrieden.
Meinen ersten Traum konnte ich mir schon in diesem Jahr erfüllen: Ein großes, blühendes Feld zu haben. Jetzt geht es an die Vorbereitung für die nächste Saison. Bei der Akquise muss ich allerdings noch nachlegen. Mein Ziel ist es, die Blumen nicht in einem Laden zu verkaufen, sondern an Hotels, Veranstalter:innen und ähnliche Kund:innen. Dafür muss ich teilweise über meinen eigenen Schatten springen. Dieses Jahr habe ich sogar auf dem Markt Blumen verkauft – etwas, das ich mir vorher nicht hätte vorstellen können. Doch auch ich bin in diesem Jahr gewachsen.“
Mittlerweile konnte Sandra sich ihren Traum bereits erfüllen! Sie beliefert verschiedene gewerbliche Kunden mit ihren fantastischen Blumensträußen, verkauft sie auf dem Markt oder ganz neu sogar auf dem Freiluft StadtLab am Engelplatz. Sie hat es geschafft und ist mit ihrem bunten Stand ein echter Hingucker in der Jenaer Innenstadt. Dazu gratulieren wir vom StadtLab recht herzlich!
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